Pi10

Politik, Medien, Gesellschaft und Krimskrams.

Replik zu Katrin Rönickes Kolumne im Der Freitag

Heute möchte ich die Kolumne von Katrin Rönicke im Der Freitag kommentieren, in dem es wieder (oder immer noch) um die Genderdebatte bei den Piraten geht. Sie argumentiert unendlich viel besser als Michael Naumann im letzten Kommentar, dem ich mich angenommen habe. Man möchte sagen: Gut gebrüllt, Löwin! Doch HALT! STOP!

Alles Geschriebene ist richtig oder zumindest überdenkenswert…… aber es geht völlig an der realen Problematik vorbei. Die Piraten bräuchten keine Quote für “Spitzen”posten, sondern eine Quote für die Zusammensetzung der Basis. Und dass das mittels Quotierung nicht funktioniert , ist offensichtlich.

Gendern im Vorstand, oder Gendern an der Basis?
Der Idealzustand wäre, dass der “Vorstand” (also alle Parteimitglieder auf Posten, Mandaten, etc. die öffentlich sichtbar sind) einer Partei die Gesellschaft möglichst gut widerspiegelt. Aber welchen Wert hat das, wenn die Basis das nicht tut? Erst wenn der Vorstand der Partei die Basis repräsentiert und die Basis wiederum die Gesellschaft und damit also der Vorstand die Gesellschaft, ist das Ziel erreicht. Wenn man die Basis auslässt hat man das Symptom bekämpft, die Ursache aber ignoriert. Wenn man sich durch ein Mehr an exponierten Frauen verspricht, dass sich auch an der Basis etwas ändert, dann ist die Quote nichts weiter als ein Marketinggimmick: “Seht her, wir haben 50% Frauen im Abgeordnetenhaus, kommt nur her!” Es spiegelt nicht die Wirklichkeit wieder, ist unehrlich und intransparent. Die Piraten lehnen die Quote deshalb aus sehr gutem Grund ab.

Auch wenn man die Quote als Erziehungswerkzeug begreift, das Männer und Frauen einen Arschtritt zum Auflösen der Geschlechterstereotypen geben soll, dann ist die Quote genauso untauglich. Nach Einführung ermöglicht sie nämlich gerade, sich zurückzulegen. Man beruft sich auf die 50% Frauen im Vorstand und ignoriert, dass es nur 20% Frauen an der Basis gibt. Die einzelne Frau hat dann zwar einen Arschtritt bekommen, sich für Höheres zu bewerben, die Partei als ganzes hat aber einen Freifahrtschein bekommen, das Ungleichgewicht an der Basis hinzunehmen. Die Quote erzwingt im besten Fall Lösungsstrategien, wie man die vorhandenen Frauen in Posten bringt, aber nicht, wie man mehr Frauen für die Partei interessiert.

Nicht die Frauen in der Partei, sondern die Frauen außerhalb bräuchten den Arschtritt. Die Piraten wiederum brauchen einen Arschtritt, sich mehr darum zu kümmern, dass auch Frauen, die nicht männlich sozialisiert wurden, schnell Anschluss finden. Das leistet die Quote aber nicht, im Gegenteil.

Quote sexistisch?
Selbst wenn ein paar Frauen angelockt werden, weil sie sehen, dass viele Frauen Spitzenposten besetzen, ist der Gewinn für die Partei zweifelhaft. Denn entweder werden sie von der Kultur an der Basis direkt abgeschreckt, weil sie nicht das Umfeld vorfinden, dass der starke Frauenanteil in der Spitze suggeriert, oder sie werden direkt nach oben gehievt und bleiben dann von der Parteibasis entrückt. Und wenn die Quote direkt Frauen anlockt, weil sie Posten besetzen können, ist das auch kein Gewinn für die Partei. Die Partei braucht ja gerade keine Leute, die sich über Posten definieren, sondern welche, die kollaborativ zusammenarbeiten können. Bei den Altparteien mag es genügen wenn relativ kleine Gremien über die Parteipolitik entscheiden und Frauen in diesen Gremien angemessen vertreten sind. Die Piraten wollen Gremien aber gerade kein überproportionales Gewicht geben. Bei den Piraten machen alle die Parteipolitik, deshalb ist es besonders wichtig, dass die Parteibasis selbst geschlechtsparitätisch ist. Was bringt es, wenn jeder zweite Ausschussposten mit einer Frau besetzt ist, die Entscheidungen aber an der Basis gefällt werden, wo ein Männerübergewicht herrscht?

Alleine der Gedanke, dass es entscheidender wäre, dass in Führungspositionen ein gleicher Anteil an Frauen sitzt als in der Basis, ist doch sehr patriarchalisch. Die Piraten wollen ja gerade keine Top-Down-Hierarchie, in dem Parteimitglieder in gehobenen Posten fast das alleinige Sagen über die Agenda der Partei haben, sondern eine flache Struktur. Sollen Frauen in einer Partei, die keine patriarchal-dominanten Strukturen haben will, ermutigt werden, dieses dominante Verhalten an den Tag zu legen?  Wenn über das Gelingen der Gleichberechtigung entscheidet, wieviele Posten mit Frauen besetzt werden, dann hätten die Piraten dieses basisdemokratische Prinzip aufgegeben.

Zusammenarbeit statt Quote
Ob dieses Organisationsprinzip der Piraten auf Dauer funktioniert, ist mehr als fraglich, aber es ist ein zentrales Ideal, an dem sich die Partei orientiert und das sie nicht aufgeben kann, ohne den bigotten Weg der Grünen nachzuvollziehen. Wenn die Partei das Ideal lebt, dann ist für eine gerechte Repräsentation von Frauen nicht entscheidend, wieviele Posten sie besetzen, sondern dass etwa die Hälfte der normalen Mitglieder weiblich ist und den Weg der Partei zu gleichem Anteil beeinflusst. Sich ausschließlich auf den Anteil der Frauen in Führungspositionen zu stürzen, legt unweigerlich den Fokus auf die Hierarchie, die nicht da sein oder zumindest nur schwach ausgeprägt sein sollte.

Natürlich wäre es stereotyp, wenn es in der Partei von Frauen nur so wimmelt, die Männer aber die Spitzenposten besetzen. Das ist aber gerade nicht der Fall, da Frauen in der Partei allgemein unterrepräsentiert sind. Wenn man aus einem Behälter mit vielen rosa Kugeln (den Männern) und wenigen schwarzen Kugeln (den Frauen) einige zufällig zieht um Spitzenposten zu besetzen, ist es nur natürlich, dass nur wenige Posten mit schwarzen Kugeln besetzt sind. Alles andere würde Ausdruck eines großen Zufalls oder eines starken Bias sein. Man muss direkt am Behälter ansetzen und den Anteil an schwarzen Kugeln steigern.  

Die Piraten sind natürlich breiter aufgestellt, aber wenn man mal für die Dauer des Arguments annimmt, dass sich die Piraten komplett aus Informatikstudenten rekrutiert hätten, dann ist das Überangebot an Männern nicht verwunderlich und bestimmt kein Ausdruck von Sexismus bei den Piraten, sondern einfach statistisch unausweichlich. Da sich die Partei aber auch anderen Themen öffnet, kann sie sich darauf darauf nicht für immer ausruhen. Charaktereigenschaften, die durch eine weibliche Sozialisation verstärkt werden, müssten in einer Partei, die so viel Wert auf Zusammenarbeit legt, besonders gefragt sein. Und die Partei müsste für Menschen, die zielgerichtet, aber nicht exponiert in einer Gemeinschaft arbeiten wollen, besonders attraktiv sein. Das ist sie aber noch nicht. Das wird jedoch u.a. noch durch die Technikfixierung überlagert. Aber wenn die Piraten beweisen können, dass sie ihr Ideal auch mit Leben erfüllen, und nicht nur eine weitere Organisation mit monolithischer Struktur und basisdemokratischem Anstrich sind, dann werden sie auch unweigerlich attraktiver für Frauen. Das ist auch eine Frage der Außenwahrnehmung - aber eben nicht wieviel Frauen wichtige Posten haben, sondern wie dominant solche Posten im Parteigefüge sind. Die Technikaffinität steht noch zu stark im Vordergrund und die einzigartige Mitmachstruktur der Partei zu wenig. Hier sind die Piraten selbst gefragt, das zu ändern.

Und da wären wir wieder beim, von Katrin Rönicke richtigerweise geforderten, Arschtritt. Wenn die Genderproblematik der Piraten gelöst werden soll, dann kann man sich nicht hinter dem Postgender-Schlagwort verstecken, sondern muss das Problem anpacken. Aber nicht oben bei den Posten, sondern unten an der Basis. Die Genderdebatte ist wichtig für die Piraten und sie täten gut daran, nicht jede Kritik als Bashing abzutun. So wie die Debatte zur Zeit aber geführt sind, vernebelt sie die Sicht auf das wirkliche Problem. Die Quote ist keine Lösung, sondern Teil des Problems. Denn durch durch die immer wiederkehrende Argumentation nach dem Schema “Keine Quote = frauenfeindlich” wird der Piratenpartei der Manövrierspielraum genommen, alternative - und im Gegensatz zur Quote erfolgsversprechende - Lösungsansätze zu entwickeln.

Lösungsstrategien
Wenn Liquid Feedback zum Beispiel genauso zugänglich wäre wie ein Apple-Produkt, würde das schon helfen. Und wenn die Piraten bei der Entwicklung eines “shiny liquid feedback”-Themes o.ä. sich Rat bei nicht-technikaffinen Menschen außerhalb der Partei holen würde, z.B. über eine Facebook Gruppe, wäre das noch besser. Mittels vieler solcher Aktionen kann die Partei sich aus dem Teufelskreis befreien, dass die Basis immer homogener wird, also vor allem immer männlicher. Tut sie es nicht, ist der Zug irgendwann abgefahren und ihnen fällt die Nusskuchen-Metapher auf die Füße. Solange die Partei aber in ihrer Sturm und Drang Phase steckt, kann sie verhältnismäßig leicht ihre Zielgruppe erweitern, da sie glaubhaft darlegen kann, dass ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist. Dass das Parteiprogramm noch weiße Flecken hat, ist dabei ein besonderes Pfund, mit dem man wuchern kann.

Wichtig ist, dass sich die Partei einen Arschtritt gibt und das Mitmachprinzip der Partei aktiv über die Parteigrenzen erweitert und den Leuten zum einen klarmacht, dass bei den Piraten Platz für alle Arten von Talenten ist und zum anderen dafür sorgt, dass das auch tatsächlich so ist. Einfache Absichtsbekundungen helfen nicht. Ein offenes Auftreten wäre dann auch der Arschtritt für die Frauen außerhalb der Partei, den Piraten eine Chance zu geben. Das geht leichter, wenn sie nicht ständig von Seiten der Feministinnen mit der Quote bedrängt werden würden, sondern konstruktiv Hilfe dabei bekommen würden, zu hinterfragen, ob ihre Kommunikationsstrukturen Frauen nicht doch subtil abschrecken.

PS: Ich bin kein Pirat und habe keine Innenansicht in die Partei. Sollte ich etwas über die Parteistruktur, die Ziele, Ideale oder Zusammensetzung falsch verstanden haben, bitte ich, mich zu korrigieren ;)

  1. esmaria-rogers hat diesen Eintrag von pi10 gerebloggt
  2. von pi10 gepostet