Was man in einigen Zeitungen zum Finanzhebel des EFSF lesen kann, ist einfach nur abstrus - und das nicht im guttenbergschen Sinn.
In fast jedem Artikel über den Eurozonen-Gipfel wird kurz erklärt, was die Hebelung des EFSF bewirkt. So weit, so gut. Aber in der Mehrzahl dieser Artikeln ist zu lesen, dass der Hebel das zur Rettung zur Verfügung stehende Kapital verfielfacht, dabei aber das Risiko erhöhe. Letzteres ist blanker Unsinn.
Exemplarisch sei hier der Artikel von Stefan Kaiser bei SPON genannt, der ein Beispiel bringt, das auch in vielen anderen Medien widerholt wird, also vermutlich von irgendeiner Nachrichtenagentur stammt und belegen soll, wie unsicher der Hebel (der ja eigentlich gar kein Hebel im engeren Sinne ist, da kein Fremdkapital aufgenommen wird - aber es ist so ein schönes Wort…) ist:
» Ein Beispiel: Bisher kann der Fonds Staatsanleihen kaufen. Angenommen, er bezahlt für eine Anleihe 100 Euro. Wenn der dahinter stehende Staat pleitegeht und ein Schuldenschnitt von 50 Prozent vereinbart wird, bleiben dem EFSF noch 50 Euro übrig.
Bei den Hebelmodellen dagegen setzt der Fonds die 100 Euro ein, um privaten Investoren den Kauf von fünf Anleihen schmackhaft zu machen. Er schießt jeweils 20 Euro hinzu. Geht der Staat, der die Anleihen ausgegeben hat, nun pleite, muss der EFSF mit großer Wahrscheinlichkeit all sein Geld an die Investoren abgeben. Schließlich hat er deren Käufe abgesichert. Von den 100 Euro bleibt nichts übrig. «
Der Autor verschweigt in dieser Milchmädchenrechnung, dass mittels des Hebels gleich 500 Euro Kapital bereitgestellt werden können, während es beim einfachen EFSF nur 100 Euro wären. Damit hat man einen erheblich längeren Atem, um sich Zeit zu erkaufen bis das Vertrauen in die Märkte zurückgekehrt ist, oder die Reformen im entsprechenden Land umgesetzt wurden. Das senkt die tatsächliche Ausfallwahrscheinlichkeit.
Wenn man einen einen sinnvollen Vergleich anstellen möchte, dann vergleicht man den Kauf von jeweils einer Anleihen im Wert von 100 Euro. Beim Modell ohne Hebel bleiben bei einem 50%-Schuldenschnitt nur 50 Euro übrig. Beim Modell mit Hebel ist zwar alles vom EFSF versicherte Geld weg. Da das aber nur 20 Euro wären, ist der Verlust immer noch geringer. Die restlichen 30 Euro müssen die Investoren abschreiben.
Es ist zu vermuten, dass Herr Kaiser hier dem Trugschluss aufsitzt, dass das Kapital auf scheinbar magische Weise vermehrt wird und dadurch als Ausgleich das Risiko steigen muss. Das ist auch auf eine naive Weise intuitiv. Er vergisst aber, dass das Kapital nicht aus dem EFSF heraus entsteht, sondern von den Anleihekäufern stammt, die auch ein Teil des Risikos tragen. Im Prinzip erkauft sich Europa niedrigere Anleihezinsen (die ja nach dem Risiko der Anleihe bepreist sind), indem der EFSF einen Teil des Risikos schultert. Je größer der versicherte Anteil der Anlage ist, desto mehr Risiko wird vom Anlageemittenten zum EFSF transferiert. Bei einem Fonds, der die komplette Summe versichert, oder selbst Geld aufnimmt und die Anleihen kauft, also ohne Hebel auskommt, würde das gesamte Risiko übertragen werden. Beim Kauf des gleichen Anleihewertes ist also die gehebelte Variante die sicherere für den EFSF.
Mathematisch ist das völlig eindeutig. Solange der EFSF nicht ausgeschöpft ist, gibt es keine Kombination aus Schuldenschnitt und der Höhe der Versicherung, bei der die gehebelte Variante schlechter dasteht als die ungehebelte. Der Hebel fungiert also als Risikominimierer.
Dies gilt bis zu einem Anleihekauf von 440 Milliarden. Dann ist der normale EFSF aufgeschöpft und nur noch der gehebelte Fonds könnte weiteres Kapital akquirieren. Wenn dann mehr Geld in eine Anleihe gepumpt wird als bei der normalen Variante möglich, kann man logischerweise auch mehr verlieren. Daher stammt wahrscheinlich das Beispiel. Aber auch in diesem Fall ist die aufgestellte Rechnung einem Molkereiproduktlieferanten (w) würdig.
Denn das erwähnte Szenario unterschlägt eine Hälfte vom Risiko einfach - nämlich die Wahrscheinlichkeit des Ereignisses - und konzentriert sich nur auf die Höhe des Schadens. Wenn die 440 Millionen überschritten werden, wäre der normale EFSF längst ausgeschöpft. Dass heißt, während der gehebelte Fonds noch Kapazitäten hätte, zusätzliche Staaten und Banken zu stützen, würden bei der Standardvariante die Institute recht und links zusammenbrechen. Der dann einsetzende Dominoeffekte würde die Ausfallwahrscheinlichkeit der abgesicherten Anleihen in die Höhe treiben. Der Normalo-EFSF mag dabei weniger Geld verbrennen, die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommt, ist jedoch höher und würde letztlich den ganzen Sinn des Fonds konterkarieren. Hinzu kommt, dass man annehmen kann, dass auch ein einzelnes Institut eine höhere Überlebenschance hat, wenn die Kapitalspritze um ein vielfaches höher ist.
Das alles gehört zu einer Risikoabschätzung dazu. Ich will nicht ausschließen, dass je nach Anlagestrategie der Hebel wirklich ein zusätzliches Risiko darstellen kann. So pauschal, wie einige Zeitungen das tun, ist dies aber ganz gewiss nicht feststellbar. Schon gar nicht mit so schlichten Beispielen. Anstatt die Leser zu informieren, greift zumindest die Mainstream-Presse zu ausufernden Beschreibungen des Worst-Case-Szenarios. Und seien sie noch so unwahrscheinlich: Hauptsache die Konsequenzen sind möglichst brutal. Solche Artikel werden dann natürlich auch noch so prominent wie möglich platziert, am besten gleich als Aufmacher.
Es ist immer wieder das selbe Schema, egal ob Atomunglück, die neuste Krankheit oder Terrorwarnung: der Journalist holt seinen inneren Roland Emmerich hervor und zieht vom Leder. Mit Qualität hat das nichts mehr zu tun. Eigentlich sind es die Leser, die ein Leistungsschutzrecht bräuchten - um Schutz vor solch grauenhafter journalistischer Leistung zu erhalten.
PS: Wenn die Herren Journalisten wieder etwas gut machen wollen, könnten sie ja anfangen, den Lesern zu erklären, dass die eigentliche Gefahr vom Hebel der entstehende Loopback-Effekt ist. Die Kapitalgeber begeben sich wiederum in Abhängigkeit der gestützten Institute oder Staaten und könnten selbst zum Rettungsfall werden. Deshalb ist es auch so ratsam, Kapitalgeber außerhalb des Westens zu suchen. Aber das würde natürlich die schönen Schlagzeilen kaputt machen, dass wir bald von den fiesen Chinesen erpressbar sind.