Pi10

Politik, Medien, Gesellschaft und Krimskrams.

Dass Zeitungen dpa-Artikel einfach nur ins Angebot kopieren, daran haben wir uns gewöhnt. Dass eine ohnehin schon dürre Faktenlage weiter ausgewalzt wird um daraus im Laufe des Tages gleich eine Handvoll an Artikel zu stricken: Alltag in Deutschlands Qualitätsmedien. Dass Artikel ständig recycelt werden um auch jede Stunde noch etwas Aktuelles zum Thema zu haben, auch wenn sich seit dem letzten Artikel an der Nachrichtenlage nichts verändert hat: geschenkt.

Dass Artikel bei Spiegel Online jetzt anscheinend aus Textbausteinen bestehen, aus denen in zwei Artikeln aber genau gegensätzliche Schlussfolgerungen gezogen werden, überrascht mich aber doch. Vielleicht bin ich aber auch einfach noch zu gutgläubig.

Man vergleiche die beiden Artikel auf Spiegel Online zur Girechenlandkrise: vom Samstag, von heute. Beide sind von Von “Jörg Diehl und Ferry Batzoglou, Athen” geschrieben.

Im ersten Artikel geht es darum, wie Papandreou durch die Ankündigung einer Volksabstimmung seine Ministerpräsidentschaft aufs Spiel gesetzt hat und aus dem Chaos dennoch als Sieger hervorgeht. Im zweiten Artikel geht es darum, wie Papandreou durch die Ankündigung einer Volksabstimmung seine Ministerpräsidentschaft aufs Spiel gesetzt hat und sein Amt verloren hat. In den zwei Tagen ist tatsächlich viel passiert und am Wochenende sah es wirklich so aus, als ob Papandreou das Husarenstück gelingen könnte, sich im Amt zu halten, nachdem ihm Merkel und Sarkozy seine Demokratieflausen ausgetrieben haben. Umso mehr würde man erwarten, dass die beiden Artikel sich grundlegend unterscheiden, der zweite vielleicht darauf eingeht, warum die Analyse am Samstag von der Realität überholt wurde.

Stattdessen bekommt man praktisch zweimal den gleichen Text, mit verändertem Fazit. Hier eine Passage aus dem Samstagsartikel:

Man muss zurückgehen an den Anfang der Woche, um zu verstehen, was in Griechenland gerade passiert ist. Da hatte sich der Premierminister mit dem offenbar nicht abgestimmten Vorstoß, das Volk über die Brüsseler Beschlüsse abstimmen zu lassen, sowohl innen- als auch außenpolitisch in die Bredouille gebracht. Erklärbar war dieses Manöver wohl nur damit, dass er vom Ergebnis der Verhandlungen vollkommen überzeugt war: Und mit dem 50-prozentigen Schuldenschnitt bei privaten Gläubigern wollte er nun die Heimatfront befrieden. Doch das Gegenteil war der Fall.

Es geriet ein Mechanismus in Gang, der den Premier fast das Amt gekostet hätte. Die Euro-Länder reagierten wütend, seine innerparteilichen Gegner witterten eine günstige Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen, und die Opposition wollte in baldigen Neuwahlen ihre guten Umfrageergebnisse endlich in reale Macht umsetzen. Doch Papandreou konterte sie alle eiskalt aus. In einer raffinierten Taktik drängte er am Donnerstag und Freitag den Widerstand Stück für Stück zurück, bis er bei der Vertrauensfrage im Parlament am Ende sogar noch eine wichtige Abweichlerin zurückgewinnen konnte. Es war ein Coup.

Und das Pendant von heute:

Dabei stand am Anfang der Einigung bloß ein taktischer Fehler Papandreous. Zu Beginn der Woche hatte sich der Premierminister mit dem offenbar nicht abgestimmten Vorstoß, das Volk über die Brüsseler Beschlüsse entscheiden zu lassen, sowohl innen- als auch außenpolitisch in die Bredouille gebracht.

Erklärbar war dieses Manöver wohl nur damit, dass er vom Ergebnis der Verhandlungen vollkommen überzeugt war: Und mit dem 50-prozentigen Schuldenschnitt bei privaten Gläubigern wollte er nun die Heimatfront befrieden. Doch das Gegenteil war zunächst der Fall.

Es geriet ein Mechanismus in Gang, der den Premier fast das Amt kosten hätte wird. Die Euro-Länder reagierten wütend, seine innerparteilichen Gegner witterten eine günstige Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen, und die Opposition wollte in baldigen Neuwahlen ihre guten Umfrageergebnisse endlich in reale Macht umsetzen. Dabei hatte Papandreou eigentlich ganz anderes im Sinn.

Der Text wurde nur leicht verändert, um ihm einen neuen Spin zu geben. Plötzlich war es kein Coup mehr, kein “eiskalter Konter aus der Zwangslage”, sondern ein “taktischer Fehler”. So schnell kanns gehen.

Beide Artikel klingen übrigens gemächlich mit Papandreous Worten aus: “Wir tragen das Kreuz des Leidens, obwohl wir nicht für die Probleme verantwortlich sind.” Das gilt vielleicht auch für unter Zeitdruck stehende Journalisten.